Was „lizenzieren“ wirklich heißt
Das Gesetz kennt den Begriff „Lizenz“ nicht — das deutsche Verpackungsrecht spricht von Systembeteiligung. Rechtsgrundlage ist seit dem 12. August 2026 das Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz (VerpackDG), das das Verpackungsgesetz (VerpackG) abgelöst hat und dessen Kernpflichten fortführt. Gemeint ist dasselbe: Sie schließen einen Systembeteiligungsvertrag mit einem Systembetreiber (einem dualen System) und finanzieren damit Sammlung und Recycling Ihrer Verpackungen (§ 7 VerpackDG). So beschreibt es auch die Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) als zuständige Behörde.
Die Wahl des Systembetreibers ist frei; die Kosten richten sich unter anderem nach Menge und Materialart der Verpackungen. Die Systembeteiligung ist dabei nur eine von zwei Grundpflichten — die Registrierung im Verpackungsregister LUCID (§ 6 VerpackDG, zuvor § 9 VerpackG) kommt immer hinzu und lässt sich nicht delegieren; bestehende Registrierungen aus VerpackG-Zeiten gelten weiter (§ 68 Abs. 2 VerpackDG).
Wer lizenzieren muss
Systembeteiligungspflichtig sind nach § 3 Abs. 6 VerpackDG Verkaufs- und Umverpackungen, Primärproduktionsverpackungen sowie Transportverpackungen, die nach Gebrauch typischerweise mehrheitlich in privaten Haushaltungen oder bei vergleichbaren Anfallstellen als Abfall anfallen, sowie Serviceverpackungen. Zuvor erfasste § 3 Abs. 8 VerpackG mit Ware befüllte Verkaufs- und Umverpackungen, die typischerweise beim privaten Endverbraucher als Abfall anfielen. Vergleichbare Anfallstellen sind nach § 3 Abs. 7 VerpackDG unter anderem Gaststätten, Kantinen, Hotels, Verwaltungen, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen.
Verpflichtet ist der Hersteller nach Art. 3 Abs. 1 Nr. 15 PPWR: der Erzeuger, Importeur oder Vertreiber, der die Verpackung oder das verpackte Produkt erstmals in Deutschland bereitstellt, auch wenn er aus dem Ausland direkt an Endabnehmer in Deutschland liefert. Unter dem VerpackG war es der Erstinverkehrbringer (§ 3 Abs. 14 VerpackG). Das kann der Markeninhaber sein, der Importeur oder der Online-Händler mit Eigenmarke.
Beide Pflichten greifen vor dem Vertrieb: Die Registrierung in LUCID und die Systembeteiligung müssen erledigt sein, bevor die Ware erstmals im Bundesgebiet bereitgestellt wird (§ 6 und § 7 VerpackDG).
Onlinehandel: Versandkartons sind in der Regel systembeteiligungspflichtig
Für den E-Commerce gilt: Versandverpackungen, die beim privaten Endkunden ankommen, sind regelmäßig systembeteiligungspflichtig. Die Regel, nach der Versandverpackungen als Verkaufsverpackungen galten (§ 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. b VerpackG), enthält das VerpackDG nicht mehr; die Pflicht folgt jetzt aus § 3 Abs. 6 VerpackDG, der auch Transportverpackungen erfasst, die typischerweise mehrheitlich in privaten Haushaltungen oder bei vergleichbaren Anfallstellen als Abfall anfallen. Zur Versandverpackung gehören laut ZSVR ausdrücklich auch Etiketten, Klebeband und Füllmaterial wie Luftpolsterfolie oder Verpackungschips. (Die EU-Verpackungsverordnung ordnet E-Commerce-Verpackungen übrigens systematisch den Transportverpackungen zu, Art. 3 Abs. 1 Nr. 8 PPWR — an der deutschen Systembeteiligungspflicht ändert das derzeit nichts.)
Wichtig bei Fulfilment-Konstellationen: Unter dem VerpackG galt der Vertreiber der Ware, nicht der Fulfilment-Dienstleister, als Hersteller der Versandverpackungen (§ 7 Abs. 7 Satz 3 VerpackG). Eine solche Zurechnungsregel enthält das VerpackDG nicht mehr; wer Hersteller ist, bestimmt Art. 3 Abs. 1 Nr. 15 PPWR. Fulfilment-Dienstleister dürfen für Hersteller, die nicht oder nicht ordnungsgemäß registriert sind, nicht tätig werden (§ 13 Abs. 4 VerpackDG). Wer über Fulfilment-Strukturen verkauft, sollte deshalb klären, wer für die Versandverpackungen Hersteller ist, und die eigene Registrierung sicherstellen.
Sonderfall Serviceverpackungen: vorbeteiligt kaufen
Für Serviceverpackungen, etwa Coffee-to-go-Becher oder Bäckertüten, die erst in der Verkaufsstelle befüllt werden, kannte das VerpackG eine Erleichterung (§ 7 Abs. 2 VerpackG): Der Hersteller konnte von seinem Vorvertreiber verlangen, dass dieser die unbefüllten Serviceverpackungen bereits an einem System beteiligt. Das VerpackDG lässt diese Vorbeteiligung nur noch für Hersteller zu, die nach Art. 21 PPWR als Erzeuger gelten (§ 7 Abs. 2 VerpackDG); laut ZSVR-Newsletter August 2026 entfällt sie damit in den meisten Fällen. Die ZSVR nennt das „vorbeteiligt“ kaufen — der Lieferant hat dann schon für das Recycling bezahlt, was sich etwa auf Rechnung oder Lieferschein bestätigen lassen sollte.
Zwei Grenzen hat die Sonderregel: Sie gilt ausschließlich für Serviceverpackungen — Verkaufs-, Um- und Versandverpackungen müssen immer selbst beteiligt werden. Und die eigene LUCID-Registrierung nach § 6 VerpackDG bleibt auch beim vorbeteiligten Einkauf Pflicht (§ 7 Abs. 2 VerpackDG, so bereits § 7 Abs. 2 Satz 3 VerpackG).
Die Reihenfolge in der Praxis
Der Ablauf in vier Schritten: Erstens vor dem erstmaligen Bereitstellen im Bundesgebiet in LUCID registrieren, kostenlos und höchstpersönlich. Zweitens den Systembeteiligungsvertrag mit einem dualen System schließen und die Verpackungsmengen nach Materialart melden. Drittens dieselben Angaben unverzüglich auch der Zentralen Stelle melden (§ 9 VerpackDG, zuvor § 10 VerpackG). Viertens — regulär nur oberhalb bestimmter Jahresmengen, auf Verlangen der Zentralen Stelle oder der zuständigen Landesbehörde auch darunter — jährlich bis zum 15. Mai die Vollständigkeitserklärung hinterlegen (§ 10 VerpackDG, zuvor § 11 VerpackG).
Die ZSVR warnt ausdrücklich: Ohne rechtzeitige Systembeteiligung droht ein Vertriebsverbot, einen Übergangszeitraum gibt es nicht. Alt-Systembeteiligungen aus der Zeit des VerpackG laufen nach § 68 VerpackDG längstens bis zum 31. Dezember 2026 fort — spätestens dann braucht es einen Vertrag auf neuer Rechtsgrundlage. Und die PPWR verlagert die Systembeteiligungspflicht seit dem 12. August 2026 in bestimmten Konstellationen auf den Handel — etwa bei Eigenmarken und bei importierter Fremdmarkenware ohne inländischen Zwischenhändler. Händler sollten ihre Sortimente jetzt darauf prüfen.
Lizenzieren reicht seit August 2026 nicht mehr
So wichtig die Systembeteiligung ist — sie deckt nur die Entsorgungsseite ab. Seit dem 12. August 2026 verlangt die EU-Verpackungsverordnung zusätzlich den produktbezogenen Konformitätsnachweis je Verpackung: technische Dokumentation nach Anhang VII, Konformitätsbewertung und die EU-Konformitätserklärung nach Art. 39 und Anhang VIII. Warum beide Pflichtenkreise parallel laufen, erklärt unser Vergleich VerpackG vs. PPWR.
Wer also heute sauber lizenziert hat, sollte den zweiten Pflichtenkreis jetzt ohne Verzug angehen — die PPWR-Checkliste führt Schritt für Schritt hindurch.